Survive – App zur Selbsthilfe in der Trennungsverarbeitung

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Eine Smartphone-App als prozessbegleitende Unterstützung bei der Trennungsverarbeitung in Partnerschaften hat Sandra Heidenreich in ihrer Bachelor-Arbeit entworfen.

Analyse & Zielgruppe

Ein Anspruch des User Experience Design ist es, in Konzeption und Entwurf innerpsychische Vorgänge zu berücksichtigen. Diese ins Zentrum eines Designs zu stellen, stellt eine ganz besondere Herausforderung dar.

Konzept und Ausarbeitung der Arbeit beruhen daher auf einer Reihe semi-strukturierter, qualitativer Interviews mit Zielgruppenangehörigen als auch professionellen Begleitern: Kenntnisse und Feedback von Systemischen Beratern, Coaches und Psychotherapeuten flossen in die Ausarbeitung ein.

Die Anwendung stellt eine Ergänzung zum Betreuungs- und Therapieangebot von Spezialisten dar – einen Ersatz für eine unter Umständen notwendige professionelle Beratung kann sie nicht liefern. So ist z. B. der Gesprächsbedarf Betroffener nur in einem persönlichen Gespräch zufrieden zu stellen und auch anspruchsvolle Methoden, wie z.B. eine Psychodrama-Übung, können nur unter Anleitung von Experten durchgeführt werden.

Möglich ist allerdings, mit der Anwendung erste Impulse zu geben, die aktive Trennungsverarbeitung anzugehen und selbständig erste Schritte zu unternehmen. Dazu zeigen Frauen allgemein eine höhere Bereitschaft, wohingegen Männer sich tendenziell schwieriger tun, ihre Gefühle zu reflektieren oder in ihrem sozialen Umfeld offen darzulegen. Die App kann zur Überwindung dieser emotionalen Hürden anleiten.

Lösungsansatz

Die App richtet sich nach Ansätzen der positiven Psychologie, nach denen subjektive Unglücklichkeit aus einem Mangel an Autonomie, Kompetenzerleben und Verbundenheit resultiert. Um zu einer Verbesserung von Trennungssituationen beizutragen, konzentriert sich die App daruf, Handlungsspielräume aufzeigen, Feedback auf Handlungen zu geben und die soziale Anschlussfähigkeit und Eingebettetheit der Problemsitutaion auf zu zeigen. Dazu werden Funktionen zur Reflexion, Dokumentation, Hilfestellung / Unterstützung und Inspiration angeboten.

Spezifische Information zur Unterstützung konkreter Problemmomente werden mit Tipps zu Handlungen verbunden. Zur positiven Verstärkung reagiert das System mit einer Reihe von Feedbackmehanismen auf die vom Anwender absolvierten ‚Missionen‘, mit denen er mit seiner Situation auseinander setzt. Darunter befinden sich auch aus Spielen entlehnte (Gamification), wie ‚Punkte‘ und ‚Erfolge‘.

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Über abgefragte Parameter spiegelt das System dem Anwender seine aktuelle Gefühlslage zurück und verdeutlicht diese als einen Moment in einem Prozess der Verarbeitung. Der innere Dialog wird durch in der empirischen Praxis bewährte Methoden (z. B. Werte- und Reflexionsübungen, systemische Interventionen, Dokumentation Festhalten von Wünschen, Sehnsüchten und Zielen) angeregt.

Ausarbeitung

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Für den Anwender gliedert sich die App in die Bereiche ‚Bibliothek‘, ‚Herz-Apotheke‘, ‚Geheimnisse‘, ‚Universum‘, ‚Wegbegleiter‘ und ‚Profil‘, die alle weitere Unterbereiche bieten.

Im Bereich „Herz-Apotheke“ kann ein Anwender mithilfe von Informationen und Tipps gezielt an seiner aktuellen Situation arbeiten: In der Sektion ‚Gefühle‘ verbergen sich Skalierungfragen zur aktuellen Stimmungslage, auf die die App Information und Handlungsempfehlungen antwortet. Unter ‚Symptome‘ finden sich situationstypische Gedanken und Gefühlen (z. B. ‚Mein Vertrauen ist zerstört‘, ‚Ich bin hin und her gerissen‘), zu der die App ein Interpretationsangebot macht. In der ‚Soforthilfe‘ finden sich Ratschläge zu typischen, akuten Krisensituationen (‚Ich bin ihm/ihr über den Weg gelaufen‘, ‚Ich habe bei ihm/ihr angerufen‘). ‚Care Pakete‘ wiederum sind kleine, im Alltag bewältigbare Aufgaben unterschiedlichen Typus (z. B. fünf ‚Aufmunterer‘ und sechs ‚Missionen‘) die zur Intervention anleiten und über Feedbackmechanismen Verhaltensänderungen positiv verstärken.

In der ‚Bibliothek‘ finden sich wissenschaftliche Hintergrundinformationen zum Thema. Ihre persönliche Geschichte dokumentieren Anwender im Bereich ‚Geheimnisse‘. Hier können Texte und Bilder in eigene oder vorstrukturierte Kategorien, wie z. B. ‚aufgestaute Gefühle‘, ‚realistischer Rückblick‘, eingeordnet werden. Neben dem Dokumentieren inszeniert die Anwendung den Akt des Loslassens und Ballast-abwerfens in symbolischer Form: Nachrichten an den ehemaligen Partner können in einer Messenger-Simulation von Hand in ein ’schwarzes Loch‘ gezogen werden, das diese verschluckt.

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Im ‚Universum‘ können Anwender anonym Nachrichten an alle anderen Anwender hinterlegen. Diese Geschichten und Gedanken ähnlich Betroffener werden in einer spielerisch orientierten Informationsvisualisierung entdeckbar gemacht. Beiträge können mit einem „I feel it“ markiert werden, um auszudrücken, dass man den Beitrag emotional nachvollziehen kann.

Unter ‚Wegbegleiter‘ listen Anwender Menschen in ihrem Umfeld, die ihnen hilfreich zur Seite stehen können. Wie auch beim ‚Universum‘, dient diese der Vergewisserung, mit dem Problem nicht alleine da zu stehen. Im Nutzungsverlauf regt die App allerdings verschiedentlich dazu an, die Kommunikation mit ‚Wegbegleitern‘ im freundschaftlichen Umfeld aufzunehmen. Da „Liebeskummer“ für Freundschaften mitunter eine belastende und überfördernde Situation darstellt, regt die Anwendung dazu an, das Gespräch anhand der gegebenen Sachinformation aufzunehmen.